Die Freche Flechte - KinderGeschichte

Innerer LebensGarten
Die freche Flechte
Ein Bilderbuch für Kinder ab 3 und Erwachsene ab nie
In einer Stadt war alles grau.
Die Straßen waren grau. Die Häuser waren grau. Und die Menschen gingen schnell und schauten auf den Boden. Aber den Boden sahen sie nicht. Sie sahen nur, wohin der nächste Schritt ging.
Und auf dem Boden — ganz klein — so klein, dass niemand sie sah — wuchs eine Flechte.
Sie war nicht schön. Sie war nicht bunt. Sie war ein Fleck. Ein grüngrauer Fleck auf grauem Beton. Und wenn jemand hingeschaut hätte, hätte er gesagt: Dreck.
Aber niemand schaute hin.
Und die Flechte? Die lachte.
Leise. So leise, dass nur der Beton es hörte. Und der Beton bekam Risse. Nicht vom Lachen. Von der Angst.
Denn die Flechte brauchte fast nichts.
Keinen Topf. Keine Erde. Kein Gießen. Kein Düngen. Kein „Du darfst hier wachsen"-Schild. Die Flechte brauchte nur: Stein. Und Zeit.
Und beides hatte sie.
Sie wuchs auf dem Gehweg. Dort, wo tausend Füße jeden Tag drüberliefen. Und keiner merkte es.
Sie wuchs auf der Schiene. Dort, wo die Bahn donnerte. Und keiner merkte es.
Sie wuchs an der Mauer. Dort, wo die Menschen vorbeihasteten. Und keiner merkte es.
Manchmal blieb einer stehen. Schaute nach unten. Und dachte: Was ist das? Soll ich das wegmachen?
Aber dann piepte sein Telefon. Oder die Ampel wurde grün. Oder jemand rief: Komm! Und er ging weiter. Und die Flechte blieb.
Und lachte.
Und sie wuchs. Und wuchs. Und wuchs.
Und dort, wo sie wuchs, passierte etwas. Der Stein wurde weich. Nicht sofort. Langsam. So langsam, dass man es nicht sehen konnte. Aber der Stein spürte es.
Denn die Flechte machte etwas, das niemand für möglich hielt.
Sie machte aus Stein — Erde.
Und in der Erde — kam Moos.
Und im Moos — kam Gras.
Und im Gras — kamen Blumen.
Und in den Blumen — kamen Bienen.
Und in den Bienen — kam Summen.
Und im Summen — kam Leben.
Und die Menschen blieben stehen. Und sagten: Huch! Hier wächst ja was!
Und sie versuchten, es wegzumachen. Aber es ging nicht mehr. Weil die Wurzeln schon im Beton waren. Und der Beton war schon Erde. Und die Erde war schon Wald.
Und der Wald lachte. Genau wie die Flechte. Nur lauter.
Und weißt du was?
In dir gibt es auch Steine.
Vielleicht hat mal jemand Beton drübergegossen. Als du klein warst. Vielleicht war auch immer schon Stein dort. Grauer Stein. Und du hast gedacht: Da wächst nie was.
Aber die Flechte braucht keinen Samen.
Die Flechte kommt aus dem Nichts. Aus der Luft. Aus dem Regen. Aus einem Lachen, das so leise ist, dass du es fast nicht hörst.
Sie setzt sich auf deinen Stein. Und wartet. Und lacht. Und wächst.
Und du musst nichts tun.
Nicht gießen. Nicht pflanzen. Nicht planen.
Nur nicht wegmachen.
Und irgendwann — vielleicht morgen, vielleicht in einem Jahr, vielleicht schon jetzt — spürst du es. In der Brust. Oder im Bauch. Oder an einer Stelle, die keinen Namen hat.
Etwas wird weich. Ganz langsam. Dort, wo immer Stein war.
Das ist die Flechte.
Sie ist schon da.
Sie hat schon angefangen.
Und sie lacht.
So heilt sich ein Planet, wenn er zubetoniert wird. Stein für Stein. Flechte für Flechte. Und so heilst auch du.
Nicht mit einem großen Plan. Nicht mit einem lauten Schrei.
Mit einem Fleck. Auf einem Stein. Der lacht.
Ende
…oder eher: Anfang.