Was Bio auf Kosmetik bedeutet — und was nicht
Wissen & Hintergrund
Was „Bio" auf Kosmetik bedeutet — und was nicht
Warum es in der EU kein Bio-Siegel für Kosmetik gibt, was COSMOS und NATRUE tatsächlich prüfen — und warum wir trotzdem „BIO" im Namen tragen.
Wenn Du im Supermarkt eine Karotte mit dem grünen EU-Bio-Logo siehst, weißt Du ziemlich genau, was das bedeutet: kontrolliert biologischer Anbau, regelmäßig geprüft, gesetzlich geschützt. Bei Kosmetik ist das anders. Komplett anders. Und das sorgt für Verwirrung — bei Dir, bei uns, bei der ganzen Branche.
„Bio" auf einer Creme kann vieles heißen. Oder nichts. Es gibt kein EU-Bio-Siegel für Kosmetik. Es gibt kein Gesetz, das den Begriff schützt. Was es gibt, sind private Zertifizierungssysteme, ein paar Gerichtsurteile und — ab September 2026 — neue EU-Regeln, die das Thema für alle verschärfen. Auch für uns. Lass uns das mal aufdröseln.
Die Lücke im Gesetz
Bei Lebensmitteln ist die Sache klar geregelt: Die EU-Öko-Verordnung (EU) 2018/848 schützt den Begriff „Bio" gesetzlich. Nur wer zertifiziert ist, darf das grüne EU-Bio-Logo verwenden. Bei Kosmetik existiert dieses System nicht.
Die EU-Öko-Verordnung definiert in Artikel 2 ihren Geltungsbereich: landwirtschaftliche Erzeugnisse, Lebensmittel, Futtermittel. Kosmetik ist nicht dabei. Das Bundesportal oekolandbau.de des BMEL bestätigt das unmissverständlich: Kosmetik darf nicht mit dem EU-Bio-Logo gekennzeichnet werden.
Die EU-Kosmetikverordnung (EG) Nr. 1223/2009 regelt ihrerseits die Sicherheit kosmetischer Mittel. Artikel 20 enthält ein allgemeines Irreführungsverbot bei Werbeaussagen. Was die Verordnung aber nicht enthält: irgendwelche Regeln zu „Bio", „Natürlichkeit" oder ökologischem Anbau von Inhaltsstoffen. Auch die ergänzende Claims-Verordnung (EU) Nr. 655/2013 legt nur allgemeine Grundsätze fest — Lauterkeit, Wahrhaftigkeit, Belegbarkeit — ohne „Bio" oder „natürlich" zu definieren.
Diese Lücke ist politisch nie geschlossen worden. Es gibt keine konkreten EU-Vorschläge, die Öko-Verordnung auf Kosmetik auszudehnen. Der gesamte Bereich Bio-Kosmetik wird privaten Zertifizierungsstellen überlassen.
Ehrliche Einordnung: Dass es kein EU-Bio-Siegel für Kosmetik gibt, heißt nicht, dass es niemanden interessiert. Es heißt, dass der Gesetzgeber diese Aufgabe bisher Privaten überlassen hat — mit allen Vor- und Nachteilen, die das mit sich bringt.
COSMOS und NATRUE — was die Siegel tatsächlich prüfen
Weil der Gesetzgeber schweigt, haben private Organisationen eigene Standards geschaffen. Die zwei wichtigsten für den deutschen Markt: COSMOS und NATRUE.
COSMOS wurde von fünf europäischen Organisationen initiiert, darunter der deutsche BDIH. Über 32.500 Produkte in 81 Ländern tragen die COSMOS-Signatur — das ist mit Abstand der größte Standard weltweit. COSMOS unterscheidet zwei Stufen: COSMOS ORGANIC verlangt, dass mindestens 95 % der pflanzlichen Rohstoffe aus biologischem Anbau stammen. Zusätzlich müssen mindestens 20 % des Gesamtprodukts bio-zertifiziert sein (bei Leave-on-Produkten) beziehungsweise 10 % bei Rinse-off-Produkten. Wasser und Mineralien zählen nicht als „bio", was den Bio-Anteil bei wasserreichen Formulierungen verdünnt. COSMOS NATURAL verlangt keinen Mindest-Bio-Anteil, muss aber alle anderen Kriterien erfüllen.
Beide Stufen verbieten: Silikone, Mineralöle, PEG-Derivate, synthetische Duftstoffe und Farbstoffe, Parabene, GVO-Inhaltsstoffe. Maximal 2 % petrochemische Anteile im Endprodukt sind als Ausnahme erlaubt — für eine definierte Positivliste von Konservierungsstoffen.
NATRUE wurde 2007 von Weleda, WALA (Dr. Hauschka), Laverana (Lavera) und anderen gegründet. Seit 2021 gibt es nur noch zwei Stufen: Naturkosmetik und Bio-Kosmetik. NATRUE definiert 13 Produktkategorien mit eigenen Schwellenwerten — ein Hautöl hat andere Anforderungen als ein Tensidreiniger. Aktuell tragen über 6.000 Endprodukte von rund 260 Marken das NATRUE-Label.
Ein NATRUE-Alleinstellungsmerkmal: Mindestens 75 % der Produkte einer Marke müssen zertifizierbar sein. Das verhindert, dass ein Unternehmen nur zwei Vorzeige-Produkte zertifiziert und den Rest unter dem Halo-Effekt verkauft. Für eine Marke mit 257 Produkten — wie bei uns — müssten mindestens 193 zertifiziert werden.
Ein methodischer Unterschied mit praktischen Folgen: NATRUE zählt zugesetztes Wasser nicht als Naturstoff. COSMOS und ISO 16128 erlauben das. Bei wasserreichen Formulierungen ergeben sich dadurch bei COSMOS deutlich höhere „Natürlichkeits-Prozente". Die NATRUE-Methode ist strenger, aber ehrlicher.
Was Siegel regeln — und wo sie schweigen
Zertifizierungen wie COSMOS und NATRUE bieten eine verlässliche Garantie für die Zusammensetzung eines Produkts: keine Silikone, keine Mineralöle, keine synthetischen Duftstoffe. Das ist ihr unbestrittener Wert.
Was sie nicht regeln, wird seltener kommuniziert. Weder COSMOS noch NATRUE prüfen die Wirksamkeit eines Produkts — ob eine Creme tatsächlich Feuchtigkeit spendet, ist nicht Gegenstand der Zertifizierung. Ebenso wenig wird die Hautverträglichkeit getestet: Natürliche ätherische Öle enthalten deklarationspflichtige Allergene wie Linalool, Limonene und Citronellol. Zertifizierte Naturkosmetik kann allergische Reaktionen auslösen — „natürlich" bedeutet nicht „hypoallergen". Falls Dich das Thema Duftstoff-Allergene interessiert: Wir haben dazu einen eigenen Blog-Artikel.
Nachhaltigkeit der Lieferkette jenseits des Bio-Anbaus wird ebenfalls nicht erfasst: Arbeitsbedingungen, faire Löhne, Transportwege — all das liegt außerhalb des Prüfrahmens.
ISO 16128 — der Standard, der keiner ist
Die ISO 16128 definiert seit 2016/2017 Berechnungsmethoden für natürliche und biologische Inhaltsstoffe in Kosmetik. Aber: Sie ist kein Zertifizierungsstandard. Es gibt keine unabhängige Prüfung, kein Label, keine Rückverfolgbarkeit.
Ihr gravierendster Schwachpunkt: Wasser darf als natürlicher Inhaltsstoff gezählt werden. Ein Produkt mit 63 % Wasser kann so „97 % Inhaltsstoffe natürlichen Ursprungs" deklarieren. Silikone und GVO-basierte Stoffe sind nicht ausgeschlossen. Die deutsche BDIH-Delegation stimmte gegen die Ergebnisse, Cosmébio verließ die Arbeitsgruppe — beide sahen die Interessen der konventionellen Kosmetikindustrie überrepräsentiert.
Wir nutzen ISO 16128 nicht als Marketing-Instrument. Wenn auf einer Verpackung „97 % natürlich" steht und Wasser mitgezählt wurde, ist das zwar mathematisch korrekt, aber aus unserer Sicht nicht ehrlich.
Was eine Zertifizierung uns kosten würde
Das ist die Frage, die wir am häufigsten hören: Warum habt ihr kein Siegel, wenn eure Rohstoffe doch bio-zertifiziert sind? Die ehrliche Antwort: Weil die Gebühren für 257 Produkte erheblich sind — und weil sich an unseren Rezepturen nichts ändern würde.
Bei NATRUE liegt allein die Labelgebühr bei 200–250 € pro Produkt pro Zwei-Jahres-Zyklus. Bei 257 Produkten summiert sich das auf über 25.000 € jährlich — nur für die Labelgebühr, ohne Audits und Prüfkosten. Dazu kommt die 75-%-Markenregel: Wir könnten nicht nur einen Teil des Sortiments zertifizieren.
Bei einer COSMOS-Zertifizierung über eine Zertifizierungsstelle wie ICEA kommen Grundgebühren, Dokumentenprüfung pro Produkt, Audit-Kosten und umsatzabhängige Gebühren zusammen. Die Gesamtkosten im Erstjahr liegen nach Branchenschätzungen im fünfstelligen Bereich, die laufenden Kosten bei mehreren tausend Euro jährlich.
Ehrliche Einordnung: Die Frage, ob sich eine Zertifizierung lohnt, hängt von der Unternehmensgröße ab. Für große Marken mit wenigen Produkten sind die Kosten pro Stück marginal. Für eine Familienmanufaktur mit 257 handgemachten Produkten multipliziert sich alles. Wir sind nicht gegen Siegel — sie leisten für Verbraucher wichtige Orientierungsarbeit. Für uns ist der direkte Weg wirtschaftlich sinnvoller.
Andere kleine Manufakturen sehen das ähnlich. Annemarie Börlind hat sich bewusst für eine unternehmensweite CSE-Zertifizierung (Certified Sustainable Economics) entschieden statt für eine Produktzertifizierung. Nicht weil die Produkte die Kriterien nicht erfüllen würden, sondern weil ein anderer Prüfansatz besser zum Unternehmen passt.
„Bio" vor Gericht — und was ab September 2026 gilt
Da kein spezielles Bio-Kosmetik-Gesetz existiert, greift bei Streitigkeiten das allgemeine Wettbewerbsrecht. Die wichtigste Entscheidung dazu: Das OLG Hamm verbot 2012 die Bezeichnung „Bio-Oil" für ein Kosmetikprodukt, das überwiegend aus Paraffinum Liquidum und anderen chemisch-industriellen Bestandteilen bestand (Az. I-4 U 193/11). Die Kernaussage: „Bio" vermittelt dem Verbraucher den Eindruck, dass ein Produkt zumindest überwiegend aus natürlichen oder pflanzlichen Inhaltsstoffen besteht. Markenrechtlicher Schutz schützt nicht vor Wettbewerbsrecht.
Ab dem 27. September 2026 verschärfen sich die Regeln grundlegend. Die EU-Richtlinie 2024/825 — oft „EmpCo-Richtlinie" genannt — führt neue Verbote ein, die ohne Einzelfallprüfung gelten. Deutschland hat die Umsetzung im Februar 2026 beschlossen:
Selbst gestaltete Nachhaltigkeitssiegel ohne zugrundeliegendes Zertifizierungssystem sind verboten. Allgemeine Umweltaussagen wie „umweltfreundlich", „ökologisch" oder „grün" ohne nachgewiesene hervorragende Umweltleistung sind verboten. Umweltaussagen über das gesamte Produkt, die sich nur auf einen Teilaspekt beziehen, sind verboten. Klimaneutralitäts-Claims auf Basis von Kompensation sind verboten.
Die EU-Kommission hat im Dezember 2025 klargestellt: Auch Markennamen können Umweltaussagen darstellen, wenn sie eine ökologische Botschaft transportieren.
Und was bedeutet das für „Two Hands BIO"?
Ich will das hier nicht kleinreden: „BIO" in unserem Markennamen ist nach der neuen Richtlinie eine Umweltaussage. Das müssen wir ernst nehmen, und das tun wir.
Der entscheidende Unterschied, den die Rechtsprechung und die Fachliteratur ziehen: „Bio-Kosmetik" als Produktbezeichnung suggeriert eine Produktzertifizierung — das wäre ohne COSMOS oder NATRUE riskant. „Hergestellt mit bio-zertifizierten Rohstoffen" ist dagegen eine spezifische, überprüfbare Tatsachenbehauptung über die Rohstoffherkunft — und grundsätzlich zulässig, wenn sie dokumentiert werden kann.
„BIO" in unserem Markennamen steht für unsere Verpflichtung: Wir verwenden ausschließlich bio-zertifizierte pflanzliche Rohstoffe. Jeder einzelne Rohstoff trägt eine Bio-Zertifizierung nach EU-Öko-Verordnung. Die Zertifikate unserer Lieferanten können wir lückenlos vorlegen. Was wir nicht haben — und nicht behaupten —, ist eine Produktzertifizierung durch COSMOS, NATRUE oder ein vergleichbares System.
Die ECGT verbietet nicht jede Umweltaussage. Sie verbietet unbelegte und irreführende Aussagen. Wer spezifisch, überprüfbar und ehrlich kommuniziert, hat einen belastbaren Rechtsrahmen. Genau das ist unser Weg: Nicht trotz fehlenden Siegels ehrlich kommunizieren — sondern gerade deswegen.
Ehrliche Einordnung: Wir lassen die rechtliche Bewertung unseres Markennamens unter der neuen Richtlinie gerade anwaltlich prüfen. Die Durchsetzungspraxis ab September 2026 ist noch ungewiss. Wir halten Dich auf dem Laufenden.
Was Two Hands BIO anders macht
Unsere Produkte bestehen aus 1 bis 6 Rohstoffen. Alle pflanzlichen Rohstoffe tragen eine Bio-Zertifizierung nach EU-Öko-Verordnung. Jede INCI-Liste ist auf unserer Website einsehbar — Du kannst jeden Inhaltsstoff nachschlagen. Bio-zertifizierte Inhaltsstoffe kennzeichnen wir in der INCI-Liste mit einem Sternchen (*) und der Erklärung „aus kontrolliert biologischem Anbau".
Wir verwenden keine Silikone, keine Mineralöle, keine PEG-Derivate, keine synthetischen Duftstoffe, keine Parabene — nicht weil ein Zertifizierer es verlangt, sondern weil wir überzeugt sind, dass gute Hautpflege diese Stoffe nicht braucht. Unsere Formulierungen sind wasserfrei, was synthetische Konservierungsstoffe überflüssig macht. Mehr dazu in unserem Artikel über wasserfreie Kosmetik.
Ein Produktsiegel wie COSMOS oder NATRUE würde an unseren Rezepturen nichts ändern. Was sich ändern würde: Dokumentationsaufwand, Verwaltungszeit und Kosten. Dieses Geld investieren wir lieber in die Qualität unserer Rohstoffe.
Ehrliche Einordnung: Wir sagen nicht, dass Siegel unnötig sind. Für Verbraucher, die im Drogeriemarkt zwischen hundert Cremes stehen, sind Siegel ein wichtiges Orientierungssignal. Und für Marken, die tatsächlich reformulieren müssen, um Standards zu erfüllen, sind sie ein echtes Qualitätsversprechen. Unsere Situation ist eine andere: Wir erfüllen die Kriterien bereits — die Zertifizierung wäre eine reine Formalität mit erheblichen Kosten.
Was Du selbst tun kannst
INCI-Liste lesen. Sie verrät mehr als jedes Siegel. Wenn Du die Inhaltsstoffe nicht findest oder nicht verstehst, haben wir dazu einen ausführlichen Artikel.
Sternchen beachten. Das Sternchen (*) in der INCI-Liste kennzeichnet bio-zertifizierte Rohstoffe — egal ob mit oder ohne Produktsiegel.
Auf spezifische Aussagen achten. „Hergestellt mit bio-zertifizierten Rohstoffen" ist konkret und überprüfbar. „Natürlich", „grün" oder „öko" ohne weitere Erklärung ist es nicht.
Nachfragen. Eine gute Marke kann Dir erklären, woher ihre Rohstoffe kommen. Falls Du bei uns nachfragen willst: Wir sind da.
Quellenverzeichnis
Verordnung (EU) 2018/848 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 30. Mai 2018 über die ökologische/biologische Produktion und die Kennzeichnung von ökologischen/biologischen Erzeugnissen. EUR-Lex.
Verordnung (EG) Nr. 1223/2009 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 30. November 2009 über kosmetische Mittel. EUR-Lex.
Delegierte Verordnung (EU) Nr. 655/2013 der Kommission vom 10. Juli 2013 zur Festlegung gemeinsamer Kriterien für die Begründung von Werbeaussagen im Zusammenhang mit kosmetischen Mitteln. EUR-Lex.
Richtlinie (EU) 2024/825 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 28. Februar 2024 (Empowering Consumers for the Green Transition). EUR-Lex.
Drittes Gesetz zur Änderung des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb. BGBl., veröffentlicht 19. Februar 2026.
OLG Hamm, Urteil vom 27.03.2012, Az. I-4 U 193/11 („Bio-Oil").
COSMOS-standard.org. COSMOS Standard Version 4.2 (September 2025).
NATRUE. Annual Report 2024. natrue.org.
ISO 16128-1:2016. Guidelines on technical definitions and criteria for natural and organic cosmetic ingredients. International Organization for Standardization.
ISO 16128-2:2017. Guidelines on technical definitions and criteria for natural and organic cosmetic ingredients — Part 2: Criteria for ingredients and products. International Organization for Standardization.
Europäische Kommission. FAQ zur EmpCo-Richtlinie, Dezember 2025.
Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). oekolandbau.de — Kennzeichnung ökologischer Erzeugnisse.
Österreichisches Lebensmittelbuch / Austria Bio Guarantee — Richtlinie für Biokosmetik.
Autor: Leon Ahlers, Gründer Two Hands BIO
Veröffentlicht: März 2026
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Dieser Artikel wird regelmäßig auf Aktualität geprüft. Letzte Prüfung: März 2026.