Mikroplastik in Kosmetik
Wissen & Hintergrund
Mikroplastik in Kosmetik — was Du wissen solltest
Über unsichtbare Kunststoffe in Cremes und Shampoos, was die EU dagegen tut — und warum das bei Weitem nicht reicht.
Wenn ich unsere Kunden frage, was sie unter Mikroplastik in Kosmetik verstehen, denken die meisten an die kleinen Plastikkügelchen in Peelings. Die gibt es tatsächlich — und die EU hat sie 2023 verboten. Aber damit ist das Thema leider nicht erledigt. Tatsächlich ist die Welt der synthetischen Polymere in konventioneller Kosmetik sehr viel größer, als die meisten ahnen. Und die Wissenschaft liefert zunehmend Ergebnisse, die nachdenklich machen.
Ich möchte das hier nicht als Angstmacherei verstanden wissen. Aber als jemand, der Kosmetik herstellt und sich täglich mit Rohstoffen beschäftigt, finde ich: Du hast ein Recht darauf zu erfahren, was in Deinen Produkten steckt — und was die Forschung dazu sagt. Also lass uns das mal aufdröseln.
Mehr als nur Kügelchen: Wo überall Kunststoff drinsteckt
Synthetische Polymere erfüllen in konventioneller Kosmetik dutzende Funktionen. Manche sind fest, manche flüssig, manche gelförmig — aber alle haben etwas gemeinsam: Es sind Kunststoffe. Hier ein Überblick, den Du so wahrscheinlich selten bekommst:
Feste Partikel — das klassische Mikroplastik. Polyethylen (PE) war der Peeling-Klassiker und ist seit Oktober 2023 in der EU verboten. Nylon-12 steckt als Weichzeichner in Foundations, Polymethylmethacrylat (PMMA) in Primern und Nagellacken.
Filmbildner — die stille Mehrheit. Acrylate-Copolymere bilden die mengenmäßig größte Kunststoffgruppe in Kosmetik. Die EU-Datenbank CosIng listet weit über hundert INCI-Varianten davon, und sie stecken in einem erheblichen Teil konventioneller Pflegeprodukte: als Filmbildner in Sonnenschutzmitteln, als Stabilisator in Lotionen, als Verdicker in Haarsprays.
Silikone — die Dauerbrenner. Dimethicone und Verwandte — hunderte INCI-Bezeichnungen (CosIng listet allein unter „Dimethicone" über 20 Einträge), erkennbar an den Endungen „-cone" oder „-siloxane". Sie machen Haare geschmeidig und Cremes seidig. Aber sie sind synthetische Polymere.
Gelförmige Verdicker: Carbomer ist ein vernetztes Polyacrylsäure-Gel und einer der am weitesten verbreiteten synthetischen Verdicker in Kosmetik.
Und PEGs? PEG-Verbindungen (Emulgatoren) und PPG (Polypropylenglykol) sind ebenfalls synthetische Polymere — werden aber von der ECHA ausdrücklich nicht als Mikroplastik klassifiziert, weil sie wasserlöslich sind. Sie stehen also nicht im Fokus der EU-Verordnung. Umwelt- und gesundheitlich sind sie ein eigenes Thema: PEGs können die Hautbarriere durchlässiger machen, und ihre Herstellung ist erdölbasiert. Aber sie mit festem Mikroplastik wie PE oder Nylon-12 gleichzusetzen, wäre wissenschaftlich nicht korrekt.
Die Faustregel: Wenn Du die INCI-Liste eines konventionellen Produkts liest und Begriffe findest, die klingen wie aus dem Chemie-Grundkurs — Acrylate, Polyethylen, Dimethicone, Carbomer — dann hast Du synthetische Polymere vor Dir.
Was die EU verbietet — und was eben nicht
Die EU-Verordnung 2023/2055 klingt erstmal nach einem großen Wurf: Mikroplastik in Kosmetik wird verboten. Stimmt — aber nur ein Bruchteil davon.
Was tatsächlich verboten wird, sind „synthetische Polymermikropartikel": feste, kohlenstoffhaltige, nicht biologisch abbaubare, wasserunlösliche Partikel unter 5 mm. Die Übergangsfristen sind gestaffelt: Peeling-Microbeads seit Oktober 2023. Abspülbare Kosmetik (Shampoo, Duschgel) ab Oktober 2027. Leave-on-Produkte (Cremes, Lotionen) ab Oktober 2029. Make-up und Lippenstift erst ab Oktober 2035 — mit Kennzeichnungspflicht „Dieses Produkt enthält Mikroplastik" ab 2031.
Was nicht verboten wird: lösliche Polymere, flüssige Kunststoffe, gelförmige Polymere und Silikone. Das heißt konkret: Ein Produkt kann nach der neuen EU-Definition „mikroplastikfrei" sein und trotzdem Carbomer, Dimethicone, PEGs und diverse Acrylate-Copolymere enthalten. Anders gesagt: Die EU-Definition von „Mikroplastik" ist deutlich enger, als das, was die meisten Verbraucher unter „Kunststoff in Kosmetik" verstehen.
Laut ECHA-Folgenabschätzung soll die Verordnung über 20 Jahre die Freisetzung von rund 500.000 Tonnen Mikroplastik verhindern. Das ist ein Schritt. Aber es ist eben nur ein Schritt.
Plastikverpackungen: eine unterschätzte Quelle
Ein Aspekt, den die meisten unterschätzen: Selbst wenn ein Kosmetikprodukt keine synthetischen Polymere enthält — die Verpackung kann welche abgeben. Hier ist die Forschungslage dünn, weil es bislang keine direkten Studien zur Migration von Mikro- und Nanoplastik aus Kosmetikverpackungen gibt. Das ist eine echte Forschungslücke, auf die mehrere Wissenschaftler ausdrücklich hingewiesen haben.
Was es allerdings gibt, sind umfangreiche Studien aus dem Lebensmittelbereich — und die verwenden dieselben Kunststofftypen (PET, PP, HDPE) in denselben Verpackungsformen. Die Ergebnisse sind eindeutig: Kunststoffverpackungen geben bei normalem Gebrauch Mikro- und Nanoplastik ab.
Eine Studie der Universität Nebraska (Hussain et al., 2023, veröffentlicht in Environmental Science & Technology) zeigte, dass PP-Behälter bereits bei Raumtemperatur und Kühllagerung über sechs Monate Millionen bis Milliarden von Partikeln freisetzen können. Bei starker Erhitzung — etwa im Mikrowellenbereich — steigen die Werte nochmals drastisch: bis zu 4,22 Millionen Mikroplastik- und 2,11 Milliarden Nanoplastikpartikel pro Quadratzentimeter. Für Kosmetik ist die Mikrowellen-Situation nicht direkt relevant, aber Wärme und UV-Strahlung — also typische Badezimmer-Bedingungen — beschleunigen die Freisetzung ebenfalls nachweislich.
Besonders relevant für ölbasierte Kosmetik: Fetthaltige Substanzen lösen deutlich mehr Partikel aus Kunststoffwänden als Wasser. Eine Studie in Journal of Hazardous Materials (Guo et al., 2024) fand bei Kontakt mit einem Fettsimulant eine um ein Vielfaches höhere Partikelfreisetzung. Übertragen auf Kosmetik: Ölbasierte Cremes und Balsame in Plastikbehältern könnten stärker betroffen sein als wässrige Produkte.
Glas ist chemisch inert und gibt selbst keine Plastikpartikel ab. Allerdings können lackierte Metallverschlüsse eine Quelle sein — eine ANSES-Studie zu Getränkeverpackungen (2025) fand in Glasflaschen mit lackierten Kronkorken überraschend mehr Mikroplastik als in Plastikflaschen. Glas mit inerten Verschlüssen schneidet am besten ab.
Einordnung: Diese Erkenntnisse stammen aus dem Lebensmittelbereich. Eine direkte Übertragung auf Kosmetik ist naheliegend, aber wissenschaftlich noch nicht abschließend belegt. Wir halten es für wichtig, diesen Unterschied transparent zu machen — auch wenn die Indizien stark sind.
Was die Wissenschaft über Gesundheitsrisiken sagt
Hier wird es ernst — und hier ist Sorgfalt besonders wichtig. Die Forschung zu den gesundheitlichen Auswirkungen von Mikro- und Nanoplastik entwickelt sich schnell. Wichtig vorab: Nicht alles Synthetische ist per se schädlich, und nicht alles Natürliche ist automatisch unbedenklich. Aber bei synthetischen Polymeren in Kosmetik verdichten sich die Hinweise. Ich fasse die wichtigsten Erkenntnisse zusammen und sage auch, wo Unsicherheiten bestehen.
Haut: Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hält eine Aufnahme von Mikroplastikpartikeln durch intakte Haut für unwahrscheinlich. Die meisten Partikel bleiben in den äußeren Hautschichten hängen. Allerdings zeigen neuere Studien, dass Nanopartikel (unter 1 Mikrometer) sehr wohl von Hautzellen aufgenommen werden können — besonders wenn die Hautbarriere geschädigt ist. Song et al. (2024, Journal of Hazardous Materials) dokumentierten erstmals, dass fragmentierte Polystyrolpartikel unter 2 Mikrometern in einem 3D-Hautmodell innerhalb einer Stunde die tiefere Hautschicht (Dermis) erreichten. In Hautzellversuchen lösten sie zudem entzündungsfördernde Reaktionen aus.
Ein Übersichtsartikel von McLean et al. (2025, Microplastics and Nanoplastics) fasste zusammen, dass partikelgrößenabhängig eine dermale Aufnahme plausibel ist — vor allem bei Nanopartikeln unter 100 nm und geschädigter Haut. Niebel und Saha fassten 2026 in der Fachzeitschrift Die Dermatologie den aktuellen Stand zusammen: In-vivo-Effekte auf die Hautphysiologie bleiben weitgehend unbekannt — aber die In-vitro-Daten zeigen konsistent entzündungsfördernde und zellschädigende Wirkungen.
Im Körper: Zwei Studien haben in den letzten zwei Jahren für Aufsehen gesorgt:
Marfella et al. veröffentlichten 2024 im New England Journal of Medicine — einem der renommiertesten medizinischen Fachblätter der Welt — eine Studie an 304 Patienten mit Halsschlagader-Operationen, von denen 257 das Follow-up abschlossen. In 58 % der untersuchten Gefäßablagerungen wurde Polyethylen nachgewiesen (150 von 257 Patienten). Bei 31 dieser Patienten (12 %) fand sich zusätzlich Polyvinylchlorid. Patienten mit Kunststoffpartikeln in den Ablagerungen hatten ein 4,5-fach erhöhtes Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall oder Tod über einen Zeitraum von knapp drei Jahren. Wichtig: Das zeigt eine Korrelation, keinen bewiesenen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang. Aber es ist ein alarmierendes Signal.
Nihart et al. wiesen 2025 in Nature Medicine Mikroplastik in Autopsiegeweben nach — in Nieren, Leber und Gehirn. Das Gehirn wies die höchsten Konzentrationen auf, hauptsächlich Polyethylen. Proben aus 2024 zeigten signifikant höhere Werte als Proben aus 2016 — was auf eine zeitliche Zunahme der Belastung hindeutet.
Ehrliche Einordnung: Die Forschung ist noch jung. Die Studien zeigen besorgniserregende Zusammenhänge, aber keine abschließenden Beweise für Kausalität. Was wir sicher sagen können: Mikro- und Nanoplastik findet sich in menschlichen Organen, die Konzentrationen steigen, und in Laborversuchen lösen die Partikel Entzündungsreaktionen aus. Was wir noch nicht sicher wissen: Was genau das langfristig für die Gesundheit bedeutet. Das Vorsorgeprinzip legt nahe, die Belastung so gering wie möglich zu halten.
Was Two Hands BIO anders macht
Ich möchte hier keine Verkaufsrede halten, sondern einfach erklären, wie wir arbeiten — und warum das in diesem Zusammenhang relevant ist.
Keine synthetischen Polymere in unseren Rezepturen — weder fest noch flüssig. Unsere Produkte enthalten kein Polyethylen, keine Silikone, keine Acrylate, kein Carbomer, keine PEGs. Das ist nicht erst seit der EU-Verordnung so, sondern war von Anfang an unser Ansatz. Nicht weil „natürlich" automatisch sicherer wäre — sondern weil wir Rohstoffe verwenden, die diese Funktionen von sich aus mitbringen: Jojobaöl zum Schutz der Hautbarriere, Carnaubawachs für Struktur, Bio-Sheabutter für Pflege. Die brauchen keine synthetischen Helfer.
Das geht über die EU-Verordnung hinaus — denn die verbietet nur feste, unlösliche Mikropartikel. Wir verzichten auf alle synthetischen Polymere. (Dieser Anspruch gilt für unsere gesamte aktuelle Produktlinie — jede INCI-Liste ist auf unserer Website einsehbar.)
Glasverpackungen statt Kunststoff. Unsere Pflegeprodukte füllen wir in Glastiegel und Braunglasflaschen ab. Unser Versandmaterial ist plastikfrei — recycelte Kartonage, wiederverwendetes Packpapier, Klebeband aus Kraftpapier mit Naturkautschuk-Kleber. Unsere Doypacks (für Badesalz und Peeling) bestehen aus plastikfreiem Kraftpapier-Cellulose und sind kompostierbar.
Ich will ehrlich sein: Manche Verschlüsse und Pumpen kommen noch nicht ganz ohne Kunststoff aus. Daran arbeiten wir, aber wir sind noch nicht am Ziel. Wir sagen deshalb auch nicht „plastikfrei" als pauschale Aussage — das wäre nicht korrekt. Was wir sagen können: In unsere Rezepturen gelangt kein Kunststoff, und unsere Verpackungen sind so weit wie möglich aus Glas und nachwachsenden Rohstoffen.
Kurze INCI-Listen, die Du verstehst. Unsere Produkte enthalten zwischen 1 und 6 Rohstoffe. Unsere INCI-Listen sind kurz genug, dass Du jede einzelne Zutat nachschlagen und verstehen kannst — und bei den meisten wirst Du feststellen, dass es pflanzliche Rohstoffe sind, die Du vielleicht sogar schon kennst.
Was Du selbst tun kannst
Unabhängig davon, welche Kosmetik Du benutzt — hier sind ein paar einfache Anhaltspunkte:
INCI-Liste lesen. Begriffe wie Acrylates Copolymer, Dimethicone, Polyethylene, Carbomer, PEG-XX oder Nylon-12 deuten auf synthetische Polymere hin.
Nicht von „mikroplastikfrei" blenden lassen. Seit der EU-Verordnung werben viele Marken damit — aber die Definition ist eng gefasst. Das Produkt kann trotzdem voller flüssiger Kunststoffe und Silikone sein.
Verpackung beachten. Glastiegel sind bei ölbasierten Produkten vorzuziehen. Wenn Plastikverpackung, dann kühl und dunkel lagern — das verlangsamt die Partikelfreisetzung.
Apps nutzen. Die ToxFox-App des BUND scannt Kosmetik auf Mikroplastik, Hormongifte und Nanopartikel. Die App „Beat the Microbead" (Plastic Soup Foundation) prüft INCI-Listen gezielt auf synthetische Polymere — umfassender als die EU-Definition.
Quellen
Marfella, R. et al. (2024). Microplastics and Nanoplastics in Atheromas and Cardiovascular Events. New England Journal of Medicine, 390, 900–910. DOI: 10.1056/NEJMoa2309822
Nihart, A.J. et al. (2025). Bioaccumulation of microplastics in decedent human brains. Nature Medicine, 31, 1114–1119. DOI: 10.1038/s41591-024-03453-1
Hussain, K.A. et al. (2023). Assessing the Release of Microplastics and Nanoplastics from Plastic Containers. Environmental Science & Technology, 57, 9782–9792.
Song, G.B. et al. (2024). Deciphering the links: Fragmented polystyrene as a driver of skin inflammation. Journal of Hazardous Materials, 480, 135815.
McLean, P. et al. (2025). Dermal exposure, review of current knowledge on the uptake of micro- and nano-plastics. Microplastics and Nanoplastics.
Guo, J. et al. (2024). Migration of micro/nanoplastics from food contact materials into fatty food simulants. Journal of Hazardous Materials, 469, 133994.
ANSES (2025). Évaluation des risques liés à la présence de micro- et nanoplastiques dans les boissons. Rapport d'expertise collective.
Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Mikroplastik: Gesundheitliche Bewertung — Fragen und Antworten. https://www.bfr.bund.de/de/mikroplastik-307680.html (Stand: 2024, abgerufen März 2026).
Niebel, D. & Saha, S. (2026). Mikroplastik und Haut – ein Update. Die Dermatologie, 77, 100–107.
EU-Verordnung (EU) 2023/2055 vom 25. September 2023, Anhang XVII REACH.
ECHA (2019). Annex XV Restriction Report — Microplastics. Folgenabschätzung zur Verordnung (EU) 2023/2055.
Richtlinie (EU) 2024/825 (ECGT) — anwendbar ab 27. September 2026.
Dieser Artikel wurde im März 2026 von Leon Ahlers (Two Hands BIO) verfasst. Die wissenschaftlichen Quellen wurden einzeln geprüft und validiert. Der Artikel dient der Aufklärung und ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Fragen zu unseren Produkten und Inhaltsstoffen: schreib uns.
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Dieser Artikel wird regelmäßig auf Aktualität geprüft. Letzte Prüfung: März 2026.