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Wasserfreie Kosmetik — Konservierungsfrei

Blog Vorschaubild: Wasserfreie Kosmetik Konservierungsfrei

Wissen & Hintergrund

Wasserfreie Kosmetik — Warum unsere Produkte keine Konservierungsstoffe brauchen

Was Wasseraktivität mit Haltbarkeit zu tun hat, warum Vitamin E kein Konservierungsmittel ist — und was bei wasserfreien Produkten wirklich schiefgehen kann.

„Ohne Konservierungsstoffe" — das steht auf unseren Produkten. Und es stimmt. Aber wenn jemand fragt, warum das geht, reicht „weil natürlich" als Antwort nicht. Es gibt einen konkreten wissenschaftlichen Grund, der nichts mit Marketing zu tun hat: Unsere Produkte enthalten kein Wasser.

Klingt simpel, ist aber der entscheidende Punkt. Denn ob ein Kosmetikprodukt Konservierungsstoffe braucht, hängt nicht davon ab, ob der Hersteller sie für überflüssig hält — sondern davon, ob im Produkt die Bedingungen für mikrobielles Wachstum vorhanden sind. In diesem Artikel erkläre ich den wissenschaftlichen Hintergrund, was die Normen dazu sagen, und wo die tatsächlichen Risiken wasserfreier Produkte liegen. Weil ehrliche Aufklärung heißt, auch die Schwachstellen zu benennen.

Wasseraktivität — die Größe, die wirklich zählt

Bakterien, Hefen und Schimmelpilze brauchen frei verfügbares Wasser, um sich zu vermehren. Nicht irgendeines — sondern Wasser, das nicht chemisch oder physikalisch gebunden ist. Die Fachgröße dafür heißt Wasseraktivität (aw): ein Wert zwischen 0 und 1, der angibt, wie viel Wasser im Produkt Mikroorganismen tatsächlich zur Verfügung steht.

Wichtig — und das wird oft verwechselt: Wasseraktivität ist nicht gleich Wassergehalt. Ein Produkt kann Spuren von Wasser enthalten und trotzdem einen sehr niedrigen aw-Wert haben, weil das Wasser gebunden ist. Umgekehrt hat ein Shampoo mit 80 % Wasser einen aw-Wert nahe 1,0.

Die entscheidenden Grenzwerte nach der Fachliteratur:

Gram-negative Bakterien (Pseudomonas, E. coli): Wachstum ab aw > 0,91

Hefen: Wachstum ab aw > 0,88

Gram-positive Bakterien (Staphylococcus): Wachstum ab aw > 0,86

Die meisten Schimmelpilze: Wachstum ab aw > 0,80

Xerophile Schimmelpilze (die widerstandsfähigsten): Wachstum ab aw > 0,60–0,65

Unter aw 0,60: Kein bekannter Mikroorganismus kann sich vermehren.

Zum Vergleich: Ein Shampoo hat typischerweise einen aw-Wert von 0,99, eine Handcreme liegt bei etwa 0,96. Unsere Balsame, Öle und Buttern liegen unter 0,60 — also unterhalb der absoluten biologischen Wachstumsgrenze.

Ehrliche Einordnung: Ein niedriger aw-Wert tötet Mikroorganismen nicht ab — er verhindert nur deren Wachstum. Das heißt: Das Produkt muss bei der Herstellung sauber sein und nach GMP-Standards (ISO 22716) gefertigt werden. Wasserfreiheit ersetzt keine Hygiene — sie macht antimikrobielle Konservierung überflüssig.

Was die Normen dazu sagen: ISO 29621

Die internationale Norm ISO 29621:2017 liefert Leitlinien für die Risikoeinschätzung von kosmetischen Produkten, die mikrobiologisch als risikoarm gelten. Ein zentrales Kriterium: Produkte mit einem aw-Wert von ≤ 0,75 können als „Low Risk Products" eingestuft werden.

Konkret bedeutet das: Für solche Produkte kann auf den Challenge Test nach ISO 11930 verzichtet werden — also auf die aufwändige Prüfung, bei der das Produkt mit fünf Referenzorganismen beimpft wird, um die antimikrobielle Schutzwirkung zu testen. Aber — und das ist wichtig — das ist kein Automatismus. Die Norm verlangt ausdrücklich, dass die Befreiung durch Daten im PIF (Produktinformationsdatei) belegt wird.

Weitere Kriterien der Norm für „Low Risk": pH ≤ 3 oder ≥ 10, Alkoholgehalt ≥ 20 %, Abfülltemperatur über 65 °C. Für unsere Produkte ist der aw-Wert der relevante Faktor.

Was das in der Praxis heißt: Zwei Schwellenwerte, zwei Bedeutungen. Unter aw 0,75: regulatorisch „risikoarm" — der Challenge Test kann entfallen, wenn es Daten gibt. Unter aw 0,60: biologisch kein Wachstum mehr möglich — gar keins. Unsere Produkte liegen unter 0,60. Das ist nicht nur „low risk", sondern die unterste Stufe der Skala.

Oxidationsschutz ist nicht gleich Konservierung

Das ist ein Punkt, bei dem viele Leute — und leider auch manche Hersteller — durcheinanderkommen. Es gibt zwei völlig verschiedene Schutzstrategien in der Kosmetik, und sie haben nichts miteinander zu tun:

Antimikrobielle Konservierung schützt vor Bakterien, Hefen und Schimmelpilzen. Typische Substanzen: Phenoxyethanol, Parabene, Benzoesäure — alles Stoffe aus Anhang V der EU-Kosmetikverordnung. Nötig bei wasserhaltigen Produkten, weil Wasser die Grundlage für mikrobielles Wachstum bildet.

Antioxidativer Schutz verhindert, dass Pflanzenöle durch Kontakt mit Sauerstoff ranzig werden. Typische Substanzen: Tocopherol (Vitamin E), Rosmarinextrakt. Nötig bei ölbasierten Produkten, unabhängig vom Wassergehalt.

Vitamin E ist kein Konservierungsmittel. Es hat keinerlei Wirkung gegen Mikroorganismen. Was es tut: Es fängt freie Radikale ab, die bei der Autooxidation von ungesättigten Fettsäuren entstehen. Es hält unsere Pflanzenöle frisch — nicht keimfrei. Keimfrei müssen sie nicht sein, weil ohne Wasser kein Keim wächst.

Ehrliche Einordnung: Wenn jemand auf eine INCI-Liste schaut und sagt „Da ist Tocopherol drin, also ist das Produkt konserviert" — dann ist das falsch. Tocopherol ist Oxidationsschutz. Konservierung wäre Phenoxyethanol oder ein Paraben. Wir verwenden weder das eine noch das andere, weil wir weder antimikrobielle Konservierung brauchen (kein Wasser) noch synthetische Antioxidantien (Tocopherol reicht).

Das tatsächliche Risiko: Oxidation

Wasserfreie Produkte verkeimen nicht — aber sie können ranzig werden. Das ist das Hauptrisiko, und es wäre unseriös, so zu tun, als gäbe es keins.

Autooxidation entsteht, wenn ungesättigte Fettsäuren mit Luftsauerstoff reagieren. Dabei entstehen Aldehyde und Ketone — erkennbar am typischen ranzigen Geruch. Wie schnell das passiert, hängt von der Zusammensetzung der Öle ab:

Hohe Oxidationsempfindlichkeit: Hagebuttenöl, Borretschöl, Hanföl — viele mehrfach ungesättigte Fettsäuren. Haltbarkeit: 6–12 Monate.

Mittlere Empfindlichkeit: Mandelöl, Olivenöl, Arganöl — überwiegend einfach ungesättigte Fettsäuren. Haltbarkeit: 12–18 Monate.

Niedrige Empfindlichkeit: Kokosöl (hoher Anteil gesättigter Fettsäuren, 2–3 Jahre), Sheabutter (1–3 Jahre je nach Raffinationsgrad), Jojobaöl (chemisch ein Wachsester, 3–5 Jahre).

Das zweite Risiko ist Wassereintrag: Nasse Finger im Tiegel, Spritzwasser, Kondenswasser am Deckel — das kann lokal feuchte Zonen schaffen und die aw-Barriere punktuell aufheben. Deshalb sind Verpackungsform und Entnahmehygiene bei wasserfreien Produkten besonders wichtig.

Welche Produkte sind wirklich wasserfrei?

Nicht alles, was „fest" ist, ist automatisch wasserfrei. Und nicht alles, was „natürlich" aussieht, kommt ohne Wasser aus. Tatsächlich wasserfreie Kosmetik (aw typisch unter 0,60) umfasst:

Balsame und Salben — Lippen-, Körper-, Wundbalsame auf Basis von Pflanzenbutter und Wachsen.

Reine Pflanzenöle und Ölmischungen — Gesichtsöle, Haaröle, Körperöle.

Pflanzenbutter — Shea, Kakao, Mango, pur oder verarbeitet.

Puder — Deopuder, Mineralpuder, Trockenshampoo.

Lippenpflege — Lippenbalsame, Lippenöle.

Vorsicht bei Grenzfällen: Feste Shampoo Bars und Deo-Sticks können wasserfrei sein — müssen es aber nicht. Manche Formulierungen enthalten Hydrolate oder wasserlösliche Wirkstoffe, die den aw-Wert erhöhen. Ohne aw-Messung kann man da keine pauschale Aussage treffen.

Was Du tun kannst, damit wasserfreie Produkte lange halten

Mit trockenen Händen entnehmen. Das klingt banal, ist aber der wichtigste Punkt. Nasse Finger sind die häufigste Ursache für Wassereintrag in wasserfreie Produkte.

Kühl und dunkel lagern. Wärme beschleunigt die Oxidation, Licht auch. Ein Schrank im Schlafzimmer ist besser als das Regal neben der Dusche.

Nach Gebrauch sofort verschließen. Sauerstoffkontakt = Oxidation. Je weniger Luft im Gefäß, desto besser.

Verpackung beachten. Braunglas filtert UV-Licht und schützt Pflanzenöle. Tuben und Airless-Spender minimieren den Luft- und Fingerkontakt.

Wie Two Hands BIO damit umgeht

Alle unsere Produkte sind wasserfreie Formulierungen — Pflanzenöle, Pflanzenbutter, Wachse. Das ist keine Marketingentscheidung, sondern eine formulierungstechnische: Ohne Wasser kein mikrobielles Wachstum, also keine Notwendigkeit für antimikrobielle Konservierung aus Anhang V der EU-Kosmetikverordnung.

Gegen Oxidation verwenden wir Tocopherol (Vitamin E) als Antioxidans, teilweise ergänzt durch Rosmarinextrakt. Beide sind keine Konservierungsmittel — sie schützen die Pflanzenöle vor dem Ranzigwerden. Die Dosierung liegt im fachüblichen Bereich, und die Zugabe erfolgt in der Abkühlphase unter 40 °C, weil Tocopherol hitzeempfindlich ist.

Wir füllen in Braunglas ab — das filtert UV-Licht und verlangsamt die Oxidation. Unsere Balsame haben Drehverschlüsse, bei denen Du nicht in den Tiegel greifst — das minimiert den Risikofaktor Wassereintrag.

Ehrliche Einordnung: „Konservierungsfrei" klingt nach einem Qualitätsversprechen. Ist es aber nicht — es ist eine Konsequenz der Formulierung. Wasserfreie Produkte brauchen schlicht keine antimikrobielle Konservierung, weil die Bedingungen für Keimwachstum nicht vorhanden sind. Das ist Wissenschaft, kein Verdienst. Was wir sicherstellen müssen — und tun — ist saubere Herstellung nach GMP-Standards und wirksamer Oxidationsschutz.

Quellen

ISO 29621:2017. Cosmetics — Microbiology — Guidelines for the risk assessment and identification of microbiologically low-risk products.
ISO 11930:2019 (+A1:2022). Cosmetics — Microbiology — Evaluation of the antimicrobial protection of a cosmetic product.
ISO 22716:2007. Cosmetics — Good Manufacturing Practices (GMP) — Guidelines on Good Manufacturing Practices.
Verordnung (EG) Nr. 1223/2009 des Europäischen Parlaments und des Rates über kosmetische Mittel, Anhang V (Konservierungsstoffe).
Berthele, H. et al. (2014). Determination of the influence of factors (ethanol, pH and aw) on the preservation of cosmetics using experimental design. Int J Cosmet Sci, 36(1):54–61.
Kerdudo, A. et al. (2015). Optimization of cosmetic preservation: water activity reduction. Int J Cosmet Sci, 37(1):31–40.

Dieser Artikel wurde im März 2026 von Leon Ahlers (Two Hands BIO) verfasst. Die wissenschaftlichen Quellen wurden einzeln geprüft und validiert. Der Artikel dient der Aufklärung und ersetzt keine medizinische oder dermatologische Beratung. Bei Fragen zu unseren Produkten und Inhaltsstoffen: schreib uns.

Dieses Dokument wurde nach bestem Wissen und gewissenhafter Recherche erstellt. Falls Du etwas zu ergänzen oder zu korrigieren hast, melde Dich bei uns. Wir nehmen Dich ernst.

Dieser Artikel wird regelmäßig auf Aktualität geprüft. Letzte Prüfung: März 2026.