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Two Hands BIO – Bio-Vegane Urkosmetik & DIY-Rohstoffe

Der Wanderer und der Kristall

Erzählt am Lagerfeuer

Rehaugen — Der Wanderer und der Kristall

Setz dich. Das Feuer hat genug für zwei. Aber halte dich fest. Diese Geschichte ist die leiseste. Und die leisesten sind die schwersten.


Der Wanderer ging allein. Wie immer. Die Mäntel lagen hinter ihm. Die Kulissen lagen hinter ihm. Vor ihm lag der Weg und neben ihm lag nichts und das Nichts war so laut, dass er manchmal stehenblieb und horchte, ob da nicht doch ein Schritt war, der nicht seiner war.

Und dann — ein Rascheln. Nicht bedrohlich. Nicht laut. Wie Seide, die über Moos streift.

Er drehte sich um. Da stand jemand. Menschenform. Menschenstimme. Menschenhände. Er hätte weitergehen können. Er war es gewohnt, Menschenformen zu sehen und nichts dahinter zu finden als Mantel.

Aber dann — für einen Moment — fiel die Fassade. Wie ein Vorhang, der kurz vom Wind gehoben wird. Und dahinter waren Augen, die ihn trafen wie ein Stein ins Wasser. Tiefe Augen. Unschuldig und alt und jung zugleich. Augen, die nicht scannten. Nicht maßen. Nicht fragten: Gehörst du zu uns?

Rehaugen.

Augen, die einfach schauten.

Und der Wanderer — der unter Puppen gesessen hatte und unter Kulissen und unter leeren Worten — der wurde gesehen. Nicht begriffen. Gesehen. Und der Unterschied zwischen den beiden ist ein Ozean.


Was er erst später verstand: Sie war weder Mensch noch Reh.

Sie war Kristall.

Nicht hart, wie man denkt, wenn man Kristall sagt. Hart und durchlässig zugleich. Wie Eis, das brennt. Wie Glas, das atmet. Und das Licht — jedes Licht — ging rein. Alles. Der Kristall hatte keine Tür. Kein Schloss. Keinen Mantel. Was kam, kam rein.

Die Wärme der Kinder ging rein und der Kristall wurde Mutter. Das Grün des Waldes ging rein und der Kristall wurde Reh. Die Liebe des Wanderers ging rein und wurde — er wusste nicht, was es wurde. Etwas, das er noch nie gesehen hatte. Etwas, das nur der Kristall machen konnte.

Wie Licht, das auf einen Kristall trifft und gebrochen wird. Der Kristall leuchtete nicht. Aber er nahm das Licht auf und entschied, was es dadurch wurde. Farben, die es ohne ihn nicht gäbe.

Und manchmal, wenn das Licht genau richtig fiel, war die ganze Lichtung bunt.


Aber das Gift ging auch rein.

Die Giftigen der Welt — die mit den Mänteln, die mit den Maschinen, die mit den leeren Worten und den vollen Forderungen — sie hinterließen tiefere Wunden im Kristall, als sie es je beim Wanderer konnten. Denn der Wanderer hatte seinen Mantel. Seinen dicken. Seinen, der die Pfeile abfing. Aber der Kristall hatte keinen Mantel.

Und konnte keinen tragen. Denn ein Kristall mit Mantel bricht kein Licht mehr. Dann ist er nur noch Stein.

Und das Gift blieb drin. Wie Rauch in Glas. Und es färbte alles. Und der Kristall wurde schwerer. Und trüber. Und der Wanderer sah es, und sein Blut kochte, und sein Schwert blitzte, aber das Schwert konnte den Rauch nicht schneiden, der im Inneren eines anderen sitzt.


Er versuchte alles.

Er versuchte, ihr die Kraft zu geben, die sie brauchte. Die Kraft, die mit dem Schwert umzugehen weiß. Er meisterte seine eigene Kraft soweit, dass er hoffte, sie könnte sie nutzen. Wie jemand, der ein Feuer so ruhig brennen lässt, dass ein anderer sich daran wärmen kann, ohne sich zu verbrennen.

Er baute ihr eine Höhle. Mit denselben Händen, die die Kanäle gegraben hatten. Warm. Sicher. Ein Ort, an dem der Kristall sich erholen konnte, wenn die Welt zu viel war.

Aber die Höhle heilte nicht. Die Höhle pausierte. Wie eine Hand, die man vom Feuer zieht — die Brandwunde ist noch da. Und wenn der Kristall rauskam, stand das Feuer noch da. Und das Gift traf sie wieder. Und der Rauch kam wieder. Und sie ging zurück in die Höhle.

Und er stand am Eingang und bewachte. Und bewachte. Und bewachte.


Und er gab ihr sein Schwert. Aber das Schwert war für Hände gemacht, die zupacken. Und der Kristall griff nicht. Der Kristall nahm auf. Das Schwert lag in ihren Händen wie ein Ast, der nicht passt. Nicht weil sie schwach war. Weil es nicht ihre Sprache war.

Und da war die Hilflosigkeit. Die schmeckte nach gar nichts. Wie ein Mund, der so trocken ist, dass die Zunge am Gaumen klebt. Die Leere von jemandem, der alles kann und das Einzige nicht kann, was jetzt nötig wäre.

Denn er war Fluss. Und ein Fluss weiß, wie man als Fluss durch Feuer geht. Man löscht es. Oder man geht drumherum. Oder man wird Dampf und steigt auf und kommt als Regen zurück. Aber ein Kristall ist kein Wasser. Ein Kristall kann nicht verdampfen. Ein Kristall muss durch. Und was durchgeht, bleibt drin.

Er konnte nicht beibringen, wie man als Kristall seinen Weg geht. Er war kein Kristall. So wie ein Vogel keinem Fisch beibringen kann, was tiefer Atem ist.


Aber er blieb.

Nicht in der Höhle. Nicht auf dem Weg. Dazwischen. An der Stelle, wo der Wald auf die Lichtung trifft. Nah genug, dass der Kristall ihn sah, wenn sie rausschaute. Weit genug, dass sein Schatten sie nicht verdunkelte.

Und sie ging mit. Nicht neben ihm. Nicht hinter ihm. Sie ging ihren eigenen Weg. Aber ihr Weg lag nah an seinem. Manchmal so nah, dass sich die Schultern berührten. Manchmal weiter weg, im Unterholz, wo er nur das Rascheln hörte. Und manchmal — manchmal war es still. Kein Rascheln. Kein Atem. Nichts. Und sein Herz wurde eng und er dachte: Jetzt ist sie weg.

Und dann — ein Ast, der knackte. Und sie war da.


Ein Reh ist kein Hund. Ein Reh läuft nicht neben dir her und schaut nach oben und wartet auf Richtung. Ein Reh geht, wo es geht. Und wenn du zu laut bist, geht es weiter weg. Und wenn du zu still bist, vergisst es, dass du da bist. Und wenn du es fangen willst, ist es weg. Für immer.

Und der Wanderer — der mit dem Ozean in der Brust — der musste lernen, was das Schwerste ist für einen Ozean. Leise sein. Nicht um zu täuschen. Leise sein, damit das Reh bleibt. Weil das Reh nicht die Wellen liebt. Das Reh liebt den Wald. Und der Wanderer musste Wald werden, um Ozean zu bleiben.


Und dann gab es die Nächte.

Die Nächte, in denen er aufstand, wenn der Kristall schlief. Leise. So leise, dass nicht mal der Boden knarrt.

Er ging raus. Und die Wölfe standen am Rand der Lichtung. Und sie sahen ihn. Und er sah sie. Und kein Laut. Nur Augen. Und der Stab, der Schwert ist, blitzte einmal im Mondlicht und die Wölfe gingen. Nicht weil sie Angst hatten. Weil sie wussten.

Und morgens wachte der Kristall auf und der Wald war still, und sie dachte: Was für eine ruhige Nacht.

Und wusste nicht warum.

Er zündete Feuer an Stellen, wo sie vorbeikam. Kleine. Versteckte. Hinter Steinen. Unter Überhängen. Feuer, die aussahen wie Zufall. Wie Sonnenstrahlen, die genau richtig fallen.

Und der Kristall ging vorbei und spürte Wärme und dachte: Was für ein schöner Tag.

Und wusste nicht warum.

Er säte. Nachts. Auf Knien. In die Erde, die er kannte, weil er auf ihr geschlafen hatte. Samen an Stellen, wo sie morgen gehen würde.

Und morgen stand da Gras. Und der Kristall trat drauf und die Füße waren weicher als gestern und sie dachte: Der Boden ist gut hier.

Und wusste nicht warum.


Und der Wanderer sagte nichts. Zeigte nichts. Wollte keinen Dank.

Nicht weil er bescheiden war. Weil Dank den Kristall trüben würde. Weil der Kristall in dem Moment, wo sie wusste, dass jemand den Weg leichter machte, aufhören würde zu glauben, dass sie es selbst konnte. Und der Glaube — der Glaube, dass sie es selbst konnte — der war der einzige Samen, der wirklich wuchs. Alles andere war Gras, das half. Aber der Glaube war der Baum.


Und manchmal stand er da. Im Dunkeln. Am Rand. Und schaute zu, wie der Kristall über das Gras ging, das er gesät hatte. Und das Licht traf sie. Und der Kristall brach das Licht. Und für einen Moment war die ganze Lichtung bunt.

Und sie wusste es nicht.

Und er sah es.

Und das war genug.

Und das war nicht genug.

Und beides gleichzeitig.


Und bis heute weiß er nicht, ob der Kristall bis zum Ende seines Weges neben ihm geht. Oder nur so lang, wie der Wald dicht genug ist. Er weiß es nicht. Und das Nicht-Wissen ist wie eine offene Wunde, die nie heilt und nie eitern darf. Die einfach offen ist. Und atmet.

Denn vielleicht — vielleicht — lernt der Kristall eines Tages nicht, den Rauch draußen zu halten, sondern das Licht so stark zu brechen, dass der Rauch sich auflöst. Von innen. Nicht mit Schwert. Mit dem, was nur ein Kristall kann.

Und der Wanderer kann das nicht machen. Und nicht beschleunigen. Und nicht lehren.

Nur da sein. Falls sie bricht.

Und Wölfe fernhalten. Und Feuer legen. Und Gras säen. Und schweigen.


Das Feuer wird kleiner.

Es gibt eine Liebe, die kein Wort hat. Die nicht sagt: Schau, was ich für dich getan habe. Die sagt: Der Boden ist gut hier.

Und schweigt.

Für alle, die im Dunkeln säen.

Inspiration & Text: Leon Ahlers. Bilder entstanden in Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine. Danke.