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Glas in der Naturkosmetik — eine ehrliche Bilanz

Warum wir Glas verwenden, wo Glas an seine Grenzen stößt — und was das für unsere Ökobilanz bedeutet.

Wissen & Hintergrund

Warum wir Glas verwenden, wo Glas an seine Grenzen stößt — und was das für unsere Ökobilanz bedeutet.

Wenn Du eines unserer Produkte in der Hand hältst, hältst Du meist ein Braunglasfläschchen oder einen Glastiegel. Kein Zufall — und kein reines Stilmittel. Glas hat für uns handfeste technische Gründe. Aber ich will Dir hier nichts vormachen: Glas ist nicht automatisch „die nachhaltige Verpackung". Die Realität ist komplizierter, und genau darüber möchte ich offen reden.

In diesem Artikel erfährst Du, warum Glas für unsere Formulierungen die richtige Wahl ist, wo die echten Nachteile liegen — und warum eine ehrliche Antwort auf die Frage „Ist Glas umweltfreundlicher als Plastik?" kein einfaches Ja oder Nein sein kann.

Warum wir Glas verwenden — die technischen Gründe

Der wichtigste Grund ist chemische Inertheit. Klingt sperrig, bedeutet aber: Glas gibt praktisch keine Stoffe an unsere Öle und Balsame ab. Es ist nicht porös, gasundurchlässig und reagiert nicht mit den Inhaltsstoffen.

Warum das so wichtig ist? Die meisten unserer Produkte sind fettbasiert — Öle, Pflanzenbutter, Wachse. Genau bei solchen fettlöslichen Produkten zeigt die Forschung, dass Kunststoffverpackungen problematisch sein können. Bou-Maroun und Kollegen haben 2023 elf Kunststoffverpackungen für Kosmetik mit sechs Prüfflüssigkeiten getestet, einen Monat lang bei 50 °C. In 19 der 66 Auszüge fanden sie im Labortest antiandrogene Wirkung, am stärksten im fettigen Prüfmedium; die wässrigen blieben unauffällig. Unter den gefundenen hormonaktiven Stoffen waren Diethylphthalat und Benzophenon. Das sind verschärfte Bedingungen im Reagenzglas, aber sie zeigen, wohin die Stoffe wandern: ins Fett.

Ehrliche Einordnung: Für Kosmetik-Kontaktmaterialien existiert keine spezifische EU-Gesetzgebung vergleichbar der Lebensmittelkontakt-Verordnung. Die EU-Kosmetikverordnung 1223/2009 fordert zwar eine Sicherheitsbewertung der Verpackung, aber verbindliche Migrationslimits gibt es für Kosmetikverpackungen nicht. Das heißt nicht, dass Kunststoffverpackungen per se unsicher sind — aber für fettbasierte Naturkosmetik ist ein inertes Material wie Glas die sicherere Wahl.

Dazu kommt der Lichtschutz. Braunes Arzneiglas darf nach dem Europäischen Arzneibuch zwischen 290 und 450 Nanometern höchstens 10 % des Lichts durchlassen; es hält UV und kurzwelliges blaues Licht also zu mindestens 90 % ab. Das hat praktische Folgen: Licht beschleunigt, zusammen mit Wärme und Sauerstoff, den Abbau ätherischer Öle und empfindlicher Pflanzenöle. Im Braunglas sind sie davor gut geschützt.

Und dann sind da unsere ätherischen Öle. Limonen, der Hauptbestandteil der meisten Zitrusöle, löst Polystyrol an. Polyethylen und Polypropylen halten stand, nehmen aber Duftstoffe auf, sodass ein Öl darin mit der Zeit an Duft verliert. Für eine Marke, die mit konzentrierten ätherischen Ölen und reinen Pflanzenfetten arbeitet, ist Glas keine Lifestyle-Entscheidung — es ist technische Notwendigkeit.

Die unbequeme Wahrheit: Was Glas schlechter kann

Lass uns das mal aufdröseln, denn hier wird es unbequem. Glas hat einen echten Nachteil, und der heißt: Gewicht.

Ein 50-ml-Glastiegel wiegt mit 80 bis 120 Gramm etwa sechsmal so viel wie ein PET-Tiegel gleicher Größe. Das klingt erstmal nach einer Nebensache, ist aber ökologisch relevant: Mehr Gewicht bedeutet mehr Energie bei der Herstellung und mehr CO₂ beim Transport. Eine Vergleichsstudie von Meng, Brandão und Cullen (2024) in Environmental Science & Technology hat 16 Anwendungen aus fünf Bereichen untersucht und kam zu dem Ergebnis, dass Kunststoff in 15 von 16 Fällen 10 bis 90 % weniger Treibhausgase verursacht als die Alternativen, darunter Glas.

Ehrliche Einordnung: Fast alle belastbaren Ökobilanzdaten stammen aus der Getränkeindustrie, nicht aus der Kosmetik. Kosmetikbehälter unterscheiden sich durch dickere Wandstärken, dekorative Elemente und komplexe Verschlüsse. Die Zahlen lassen sich deshalb nur mit Vorsicht auf Tiegel und Tropfflaschen übertragen.

Und dann das Verschluss-Problem. Die Flasche aus Glas, der Deckel aus Plastik — dieses Paradox betrifft fast jedes Glasprodukt. Ein Standard-Pumpspender besteht aus zwei bis vier verschiedenen Kunststofftypen, Edelstahl und manchmal Gummi. Diese Multimaterial-Konstruktionen sind im kommunalen Recyclingsystem praktisch nicht verwertbar.

Auch bei uns sind Tropfeinsätze, Pumpen und Dichtungen aus Kunststoff, weil sie eine Aufgabe erfüllen, die Glas nicht kann. An Pumpen aus einem einzigen Kunststoff, etwa komplett aus PP mit Kunststofffeder statt Metallfeder, arbeiten Hersteller wie Virospack und TriMas; solche Lösungen sind aber noch nicht überall verfügbar und kosten mehr. Deshalb sagen wir auch nicht „plastikfrei" als pauschale Aussage — das wäre schlicht nicht korrekt. Welche Kunststoffe das sind und worauf es bei ihnen ankommt, steht in unserem Artikel Plastik ist nicht gleich Plastik.

Recycling: Was funktioniert — und was nicht

Glas lässt sich materialwissenschaftlich ohne Qualitätsverlust immer wieder einschmelzen. Das ist eine physikalische Tatsache und ein echtes Argument. Jede Tonne Altglasscherben, die in die Neuproduktion einfließt, spart Energie und CO₂ — laut FEVE rund 2,5 bis 3 % Energieeinsparung pro 10 % Scherbenanteil. Und die Glasindustrie arbeitet an der Dekarbonisierung: Ardagh Glass schmilzt in Obernkirchen seit Ende 2023 Braunglas in einem Ofen, der zu rund 60 % mit Strom beheizt wird; je Flasche entsteht laut Ardagh 64 % weniger CO₂. Noch ist das nicht Standard, aber die Richtung stimmt.

Aber zwischen der theoretischen Recyclingfähigkeit und der Praxis klafft eine Lücke. Die Glasrecyclingquote in Deutschland lag 2024 bei 82,9 %. Das klingt ordentlich, liegt aber unter der gesetzlichen Anforderung von 90 %, die seit 2022 gilt und seitdem jedes Jahr verfehlt wurde; die Quote pendelt seit Jahren zwischen 81 und 85 %. Gesammelt wird zudem weniger, auch weil es weniger Containerstandorte gibt. EU-weit lag die Recyclingquote 2024 bei 75,1 % (Eurostat). Der Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung (bvse) warnte im Dezember 2025 vor einer Krise im Glasrecycling: Die Schmelzkapazitäten schrumpfen, die Lager der Aufbereiter sind voll.

Für Kosmetikglas kommt ein spezielles Problem dazu: Opazität. Stark beschichtetes, schwarz lackiertes oder metallisiertes Glas wird von den optischen Sortieranlagen nicht als Glas erkannt und als Fremdstoff aussortiert. Eine vierjährige Studie von Estée Lauder und Strategic Materials hat über 200 Kosmetik-Glasverpackungen getestet und das Kernproblem identifiziert: Lässt die Dekoration mindestens 5 % des Lichts durch, wird das Glas deutlich eher als Glas erkannt; darunter steigt das Risiko, dass es aussortiert wird.

Unser unbeschichtetes Braun- und Klarglas ist hier im Vorteil: Es lässt genug Licht durch, damit die Sortieranlage es als Glas erkennt.

Richtig entsorgen. Braunglas gehört in den Braunglas-Container, unsere klaren Tiegel in den Weißglas-Container. Violettglas kommt in den Grünglas-Container, dort wird es als „Fehlfarbe“ toleriert. Deckel, Pumpen und Tropfer gehören in die Gelbe Tonne oder den Gelben Sack, auch die aus Metall. Etiketten dürfen dranbleiben, löffelrein genügt.

Mehrweg wäre der Gamechanger — aber es ist kompliziert

Die Ökobilanz von Glas dreht sich, wenn man es wiederverwendet. Eine Auswertung von 32 Lebenszyklusanalysen für Zero Waste Europe kommt zu dem Ergebnis, dass Mehrwegglas bei kurzen Transportwegen im Schnitt rund 85 % weniger CO₂ verursacht als Einwegglas und 70 % weniger als Einweg-PET. Gegenüber Einwegglas rechnet es sich dort schon nach zwei bis drei Umläufen; andere Studien kommen auf 10 bis 20.

Allerdings ist die Studienlage differenzierter, als es auf den ersten Blick scheint. Stefanini und Kollegen (2021) verglichen für Milch in Italien Einweg- und Mehrwegglas mit PET und recyceltem PET. Bei den Treibhausgasen und den übrigen untersuchten Wirkungen schnitt recyceltes PET am besten ab; Mehrwegglas kam selbst bei achtmaliger Nutzung nicht heran. Nur beim Meeresmüll lag Mehrwegglas vorn.

Für Naturkosmetik sind Refill-Systeme nochmal schwieriger als für Getränke. Unsere Öle und Balsame enthalten kein Wasser und keine Konservierungsstoffe — jede Verunreinigung bei der Rücknahme wäre ein Risiko. Ein Nachfüllkonzept muss hygienisch absolut sicher sein, bevor man es anbieten kann.

Ein Wort zu Violettglas

Vielleicht hast Du schon von Violettglas gehört — das dunkle, fast schwarze Glas, das manche Naturkosmetikmarken nutzen. Die Spektralfilter-Eigenschaften sind physikalisch belegt: Violettglas blockiert sichtbares Licht zwischen 450 und 720 Nanometern und lässt violettes Licht sowie Infrarot durch.

Was Du allerdings wissen solltest: Für die darüber hinausgehenden „Biophotonen"-Behauptungen — dass Violettglas Produkte „energetisiert" oder ihre Wirksamkeit durch Lichtfrequenzen verstärkt — gibt es keine peer-reviewed Publikationen in anerkannten Fachzeitschriften. Die konservierenden Effekte lassen sich vollständig durch die Lichtblockade erklären. Jeder opake Behälter bietet vergleichbaren Schutz.

Wir verwenden Braunglas. Es schützt nachweislich vor UV-Strahlung, ist gut recycelbar und kommt ohne unbelegte Zusatzversprechen aus.

Was Two Hands BIO konkret tut — und was wir nicht behaupten

Ich möchte hier keine Verkaufsrede halten, sondern eine ehrliche Bestandsaufnahme machen.

Was wir machen: Wir verwenden standardisiertes Braunglas eines österreichischen Glasherstellers. Unsere Öle und Balsame sind fettbasiert und wasserfrei — Glas ist für sie das technisch richtige Material. Balsame und Butter füllen wir in Klarglastiegel; die stehen deshalb am besten im Schrank statt auf der sonnigen Fensterbank. Wir füllen in Wennigsen bei Hannover ab und versenden von dort. Jedes unserer Produkte hat eine vollständige INCI-Liste, die Du auf der Website einsehen kannst.

Was wir nicht behaupten: Wir sagen nicht „nachhaltig verpackt" und nicht „umweltfreundliche Glasverpackung". Solche pauschalen Aussagen sind seit September 2026 durch die ECGT-Richtlinie der EU ohnehin verboten, wenn man keinen anerkannten Nachweis erbringen kann. Aber wir hätten sie auch vorher nicht verwendet — weil sie nicht die ganze Wahrheit erzählen.

Ehrliche Einordnung: Seit dem 27. September 2026 sind durch das 3. UWG-Änderungsgesetz (Umsetzung der EU-Richtlinie 2024/825) allgemeine Umweltaussagen wie „nachhaltig", „umweltfreundlich" oder „grün" nur noch erlaubt, wenn eine anerkannte hervorragende Umweltleistung nachgewiesen ist, etwa mit dem EU-Umweltzeichen. Auch Klimaneutralitäts-Aussagen, die auf CO₂-Kompensation beruhen, sind seitdem unzulässig. Schon 2024 hatte der BGH verlangt, dass „klimaneutral" in der Werbung selbst erklärt wird (27.06.2024, I ZR 98/23). Wir sehen das als gute Entwicklung: Wer konkret kommuniziert, hat nichts zu verlieren.

Was Du selbst tun kannst

Glas richtig trennen. Nach Farbe in den Container, Deckel und Pumpen getrennt in die Gelbe Tonne, wie oben beschrieben. Klingt banal, macht aber einen Unterschied: Je sauberer nach Farbe getrennt wird, desto mehr Altglas kann wieder zu neuem Behälterglas werden.

Weiterverwenden. Unsere Gläser eignen sich gut für selbst gemischte Öle, Gewürze oder Tee. Jedes Glas, das ein zweites Mal genutzt wird, erspart ein neues. Ideen nach Glasgröße sammeln wir in Unsere Gläser weiterverwenden.

Nachfragen. Wenn eine Marke „nachhaltig verpackt" schreibt, ohne zu erklären, was genau damit gemeint ist — frag nach. Transparenz entsteht durch Nachfrage.

Neuer Rechtsrahmen seit August 2026: Die EU-Verpackungsverordnung (PPWR, Verordnung (EU) 2025/40) gilt seit dem 12. August 2026 und hat die bisherige Verpackungsrichtlinie abgelöst. Sie schreibt unter anderem vor, dass ab 2030 alle Verpackungen recyclingfähig gestaltet sein müssen und Versandkartons höchstens 50 % Leerraum enthalten dürfen. Für Kosmetik-Kleinverpackungen aus Glas ändert sich wenig — Glas ist und bleibt einer der am besten recycelbaren Verpackungsstoffe.

Quellenverzeichnis

Meng, F., Brandão, M. & Cullen, J. M. (2024). Replacing Plastics with Alternatives Is Worse for Greenhouse Gas Emissions in Most Cases. Environmental Science & Technology, 58(6), 2716–2727. DOI: 10.1021/acs.est.3c05191
Bou-Maroun, E., Dahbi, L., Dujourdy, L., Ferret, P.-J. & Chagnon, M.-C. (2023). Migration Studies and Endocrine Disrupting Activities: Chemical Safety of Cosmetic Plastic Packaging. Polymers, 15(19), 4009. DOI: 10.3390/polym15194009
Stefanini, R., Borghesi, G., Ronzano, A. & Vignali, G. (2021). Plastic or glass: a new environmental assessment with a marine litter indicator for the comparison of pasteurized milk bottles. International Journal of Life Cycle Assessment, 26, 767–784. DOI: 10.1007/s11367-020-01804-x
Coelho, P. M., Corona, B. & Worrell, E. (2020). Reusable vs. single-use packaging: a review of environmental impact. Universität Utrecht für Zero Waste Europe und Reloop.
ZSVR / UBA (2026). Recyclingquoten für Verpackungsabfälle in Deutschland 2024. Veröffentlicht Januar 2026.
Eurostat (2026). Recyclingquote Glasverpackungen EU-27 (Tabelle ten00063): 2023 74,9 %, 2024 75,1 %.
Estée Lauder Companies / Strategic Materials Inc. (03.10.2024). Pressemitteilung zur Recyclingfähigkeit von Kosmetikglas, Tests 2020–2024.
EU-Verordnung (EG) Nr. 1223/2009 — Kosmetikverordnung, Anhang I, Abschnitt 4 (Verpackungsbewertung).
Richtlinie (EU) 2024/825 — Empowering Consumers for the Green Transition (ECGT). Umgesetzt durch 3. UWG-Änderungsgesetz, BGBl. 2026 I Nr. 43.
BGH, Urteil vom 27.06.2024, Az. I ZR 98/23 — Klimaneutralitäts-Claims.
Ardagh Glass Packaging (2024). NextGen Furnace — 64 % CO₂-Reduktion durch 60 % elektrische Beheizung. Standort AGP-Obernkirchen.
FEVE (2016). Recycling — Why Glass Always Has a Happy CO₂ Ending. Branchenverband-Publikation.
bvse (10.12.2025). Glasrecycling in Deutschland steuert auf eine Krise zu. Pressemitteilung.
Europäisches Arzneibuch (Ph. Eur.) 3.2.1: Glasbehältnisse zur pharmazeutischen Verwendung, Prüfung der Lichtdurchlässigkeit.
Turek, C. & Stintzing, F. C. (2013). Stability of Essential Oils: A Review. Comprehensive Reviews in Food Science and Food Safety, 12(1), 40–53. DOI: 10.1111/1541-4337.12006

Autor: Leon Ahlers — Gründer, Two Hands BIO
Veröffentlicht: März 2026

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Dieser Artikel wird regelmäßig auf Aktualität geprüft. Letzte Prüfung: November 2026.