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Plastik ist nicht gleich Plastik — was bei Kosmetikverpackungen zählt

Welche Kunststoffe in Kosmetikverpackungen unkritisch sind, wo es auf den Stoff ankommt und was aus dem Gelben Sack wird.

„Plastikfrei“ ist zu einem Versprechen geworden, nach dem viele suchen. Ich verstehe das gut: Bilder von Stränden voller Flaschen lassen niemanden kalt. Für Deine Gesundheit und für die Umwelt hilft aber eine andere Frage weiter: Welcher Kunststoff, an welcher Stelle, in Berührung womit?

Unsere Öle und Balsame füllen wir in Glas. Tropfeinsatz, Pumpe, Sprühkopf und die Dichtung im Deckel sind aus Kunststoff, weil sie eine Aufgabe erfüllen, die Glas nicht kann. Bei der Auswahl dieser kleinen Teile haben wir viel gelernt. Davon erzähle ich hier, damit Du Verpackungen selbst einschätzen kannst, unsere und alle anderen.

Ein Wort, viele Stoffe

Kunststoff ist kein einzelnes Material, sondern eine große Familie. Jeder besteht aus langen Molekülketten, dem Polymer, und meist aus Zusätzen: Weichmachern, Stabilisatoren, Farben. Ein internationales Forschungsteam hat 2024 über 16.000 Chemikalien zusammengetragen, die in Kunststoffen vorkommen können. Mindestens 4.200 davon gelten als bedenklich, für mehr als 10.000 fehlen schlicht Daten.

Das klingt erschlagend und sagt doch vor allem eines: Die Kette selbst ist selten das Problem. Es kommt darauf an, was zugesetzt ist, und darin unterscheiden sich die Kunststoffe enorm. Den Typ verrät oft die Zahl im kleinen Dreieck auf dem Boden:

1 · PET — klare Flaschen. Kommt mit wenigen Zusätzen aus und wird als Getränkeflasche gut im Kreislauf geführt.

2 und 4 · PE — Polyethylen, hart oder weich: Flaschen, Tuben, Tropfeinsätze, Folien. Braucht kaum Zusätze und keine Weichmacher.

5 · PP — Polypropylen: Deckel, Pumpen, Dosen. Ebenso genügsam wie Polyethylen.

3 · PVC — wird erst mit Weichmachern biegsam. In Kosmetik selten zu sehen, steckt aber oft in Deckeldichtungen.

6 · PS — Polystyrol: steife Döschen und Probenbecher. Kann Styrol abgeben, das die Krebsforschungsagentur der WHO als wahrscheinlich krebserregend einstuft. Zitrusöle lösen es an.

7 · O — „andere“: darunter Polycarbonat, das Bisphenol A abgeben kann, Acrylglas und Verbunde aus mehreren Schichten.

Worauf es ankommt: die Berührung

Stoffe wandern aus Kunststoff nur dorthin, wo er etwas berührt, und am liebsten in Fett. Öle, Alkohol und ätherische Öle lösen Zusätze viel besser als Wasser; Wärme und Zeit verstärken das. Glas und Metall halten dicht, Kunststoff nicht ganz. Für Kosmetik aus Ölen und Buttern ist das die entscheidende Stelle.

Die Dichtung im Deckel

Gläser mit Schraubdeckel aus Blech haben innen einen Dichtring. Der übliche ist aus PVC mit Weichmacher. Bei Lebensmitteln in Öl ist gut untersucht, was dann geschieht: In einer Schweizer Untersuchung, veröffentlicht 2022, gab rund ein Viertel der PVC-Dichtungen mehr Weichmacher an das Öl ab als erlaubt, am meisten dort, wo freies Öl den Deckel benetzte. Hersteller bieten deshalb PVC-freie Dichtungen an, ausdrücklich für ölige Füllungen.

Wer Ölauszüge oder Salben selbst in Schraubgläsern aufbewahrt, kann beim Deckelkauf auf „PVC-frei“ achten. Ein aufrecht stehendes Glas hält das Öl zusätzlich von der Dichtung fern.

Ätherische Öle und Kunststoff

Ätherische Öle sind starke Lösemittel. Limonen, der Hauptbestandteil der Zitrusöle, löst Polystyrol an. Polyethylen hält stand, nimmt aber Duftstoffe auf, sodass ein Öl darin mit der Zeit an Duft verliert. Manche Kunststoffflaschen für Öle und Lösemittel werden deshalb fluoriert, damit weniger durch die Wand dringt. Untersuchungen der US-Umweltbehörde EPA zeigten, dass dabei PFAS entstehen können, langlebige Chemikalien, die in den Inhalt übergehen.

Gut zu wissen. Ätherische Öle sind in Glas am besten aufgehoben. Ein Tropfeinsatz aus Polyethylen im Flaschenhals berührt das Öl nur beim Tropfen und ist unkritisch. Für Öle, Balsame und Butter sind die Zahlen 2, 4 und 5 unkritisch; 3 und 6 gehören nicht an Öl.

Recycelter Kunststoff am Produkt

Rezyklat ist ein Gewinn, wo es den Inhalt nicht berührt. Im Kontakt ist es heikler, denn im Kreislauf sammeln sich Fremdstoffe: Forschende fanden 2023 in 28 Proben recycelten Polyethylens aus Ländern des globalen Südens 491 verschiedene Stoffe, darunter Pestizide und Arzneimittel. Für Lebensmittel ist in der EU deshalb vor allem recyceltes PET aus Getränkeflaschen zugelassen, dessen Kreislauf sauber geführt wird. Ab 2030 müssen Kunststoffverpackungen auch für Kosmetik einen Mindestanteil Rezyklat enthalten. Sauberes Rezyklat für alles, was etwas Hautnahes berührt, ist damit eine der großen Aufgaben der nächsten Jahre.

Was aus dem Gelben Sack wird

Die gute Nachricht zuerst: Recycling funktioniert in Deutschland besser als sein Ruf. 2024 gingen 70,8 Prozent der Kunststoffverpackungen aus Gelber Tonne und Gelbem Sack ins Recycling, so viel wie nie. Gezählt wird dabei, was in die Anlage hineingeht, nicht was als neuer Kunststoff herauskommt.

Das ganze Bild ist nüchterner. Von allen Kunststoffabfällen in Deutschland wurden 2023 rund 61 Prozent verbrannt, um Strom und Wärme zu gewinnen, und 38 Prozent mechanisch recycelt. In neuen Kunststoffprodukten steckt im Schnitt etwa 15 Prozent Rezyklat. EU-weit werden 42 Prozent der Kunststoffverpackungen recycelt, weltweit sind es laut OECD 9 Prozent aller Kunststoffabfälle.

Kosmetik hat es dabei schwerer als Getränke, weil vieles klein, dunkel oder aus mehreren Stoffen gebaut ist. Schwarzer Kunststoff bleibt für die Sortieranlage unsichtbar: Ihre Infrarot-Sensoren erkennen den Kunststoff am zurückgeworfenen Licht, und Ruß schluckt es. Pumpen und Sprühköpfe bestehen aus mehreren Kunststoffen und einer Stahlfeder. Für kompostierbare Kunststoffe gibt es keinen eigenen Recyclingweg. Was sich nicht sortieren lässt, wird verbrannt.

Zur Einordnung: „Recycelbar“ heißt, eine Verpackung könnte recycelt werden; ob sie es wird, hängt an Farbe, Größe und Bauweise. „Biobasiert“ heißt nicht abbaubar: Bio-Polyethylen aus Zuckerrohr ist chemisch dasselbe Polyethylen und wird genauso recycelt. Und kompostierbare Kunststoffe sind in den meisten Gemeinden in der Biotonne nicht erlaubt. Kompostwerke sortieren sie aus, sie werden verbrannt.

Was die Zukunft bringt

Die EU stellt die Regeln gerade um. Seit August 2026 gilt die neue Verpackungsverordnung. Ab 2030 muss jede Verpackung recyclinggerecht gestaltet sein, und Kunststoffverpackungen brauchen einen Mindestanteil Rezyklat. Das wird viele Pumpen, Tuben und Tiegel verändern: hin zu einem einzigen Kunststoff je Teil, zu hellen Farben und zu Federn aus Kunststoff statt Stahl.

Auch die Sortierung lernt dazu. Es gibt schwarze Farben ohne Ruß, die der Infrarot-Sensor erkennt, und digitale Wasserzeichen, unsichtbar auf die Verpackung gedruckt. In einem Großversuch bei Bonn erkannte eine Anlage damit 2025 rund 90 Prozent der markierten Verpackungen schon im ersten Durchlauf.

Viel Hoffnung lag auf dem chemischen Recycling, das Kunststoff wieder in seine Grundbausteine zerlegt. Bisher bleibt es weit hinter den Ankündigungen: In Europa laufen Anlagen für rund 0,3 Millionen Tonnen im Jahr, geplant sind 2,8 Millionen, neun Projekte wurden abgesagt. Eine Rechenweise lohnt sich zu kennen: Chemisch recycelter Anteil wird meist per Massenbilanz verbucht. Steht „zertifiziert zirkulär“ auf einer Verpackung, ist der Recyclinganteil über die gesamte Produktion verrechnet und steckt nicht unbedingt in genau dieser Packung.

Die kleinen Teile: Etikett, Farbe, Deckel

Etikett. Ein Papieretikett ist nicht ganz aus Papier. Sein Kleber ist ein Kunststoff, meist ein Acrylat, und bei unseren Etiketten kommt die Schrift im Thermotransferdruck von einem Band aus Wachs und Harz. Folienetiketten aus PE oder PP halten Öl und Feuchtigkeit besser stand und machen das Quetschen einer Tube mit, ohne zu brechen. Am Glas dürfen beide bleiben, sie werden bei der Aufbereitung entfernt. Unsere Etiketten sind aus Recyclingpapier.

Druckfarbe. UV-härtende Druckfarben enthalten Fotoinitiatoren, die in Lebensmittel übergehen können: 2005 fand man einen davon in Babymilch aus bedruckten Getränkekartons. Druckfarben auf Mineralölbasis aus dem Zeitungsdruck gelangen über das Altpapier in Recyclingkarton und können von dort durch Papier und dünne Kunststofffolien in Lebensmittel wandern. Durch Glas dringt nichts davon.

Deckel. Aluminium lässt sich ohne Qualitätsverlust immer wieder einschmelzen, mit einem Bruchteil der Energie der Erstherstellung. Die Erstherstellung dagegen ist energiehungrig: In Europa entstehen dabei 6,6 Kilogramm CO₂ je Kilogramm Aluminium, im Weltdurchschnitt 14,8. Ein Deckel aus PP verursacht in der Herstellung weniger und ist ebenfalls gut recycelbar, solange er nicht schwarz ist. Gesundheitlich zählt bei beiden vor allem die Dichtung, und eine Einlage aus Polyethylen ist die schlichteste.

Wo bei uns Kunststoff sitzt

Öle, Balsame und Wässer liegen bei uns in Glas, meist in Braunglas, das Licht abhält. Kunststoff steckt in den Teilen, die tropfen, pumpen, sprühen oder abdichten, und als dünne Innenschicht in den Beuteln für Kräuter und Salze. Unsere Braunglasflaschen kommen in Folie eingeschweißt aus dem Glaswerk; die Folie hält sie bis zur Abfüllung innen sauber. Im Versand nutzen wir Karton, Papierpolster und Papierklebeband.

Glas kommt nach Farbe in den Altglascontainer, das Etikett darf dranbleiben.

Deckel, Pumpen und Tropfer gehören in die Gelbe Tonne oder den Gelben Sack, auch die aus Metall. Getrennt vom Glas lassen sich beide besser verwerten.

Ausspülen ist nicht nötig, löffelrein genügt.

Beutel mit dem Zeichen für Heimkompost lassen sich im Garten kompostieren; in der Biotonne sind kompostierbare Verpackungen meist nicht erlaubt.

Kunststoff ist weder gut noch böse. Er ist ein Werkstoff, und wie jeder Werkstoff gehört er an die Stelle, an der er seine Aufgabe am besten erfüllt: Glas für den Inhalt, Kunststoff für die Mechanik, Papier für den Weg zu Dir. Mehr zum Glas steht in unserem Artikel über Glasverpackung, mehr zu Kunststoff in der Kosmetik selbst im Artikel über Mikroplastik.

Quellen

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IARC (2019). Monographs Volume 121: Styrene, Styrene-7,8-oxide, and Quinoline. Internationale Agentur für Krebsforschung der WHO.
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Fankhauser-Noti, A., Biedermann-Brem, S. & Grob, K. (2006). PVC plasticizers/additives migrating from the gaskets of metal closures into oily food: Swiss market survey June 2005. European Food Research and Technology.
Food Packaging Forum (2022). Switzerland: 25 % of PVC lid gaskets exceed plasticizer migration limits.
Etivera Magazin: Compounds für Twist-Off-Deckel (PVC, PVC-frei, Temperaturbereiche). magazin.etivera.com.
US EPA (2024). EPA grants petition seeking rule on three PFAS found in fluorinated plastic containers.
Carmona, E. et al. (2023). A dataset of organic pollutants identified and quantified in recycled polyethylene pellets. Data in Brief, 51, 109740.
Verordnung (EU) 2022/1616 über Materialien und Gegenstände aus recyceltem Kunststoff für den Lebensmittelkontakt.
Verordnung (EU) 2025/40 über Verpackungen und Verpackungsabfälle (PPWR), Artikel 6 und 7.
Zentrale Stelle Verpackungsregister und Umweltbundesamt (2026). Recyclingquoten für Verpackungsabfälle aus der Sammlung der dualen Systeme 2024.
Conversio Market & Strategy (2024). Stoffstrombild Kunststoffe in Deutschland 2023. Kurzfassung.
Eurostat (2025). Packaging waste statistics. Recyclingquote Kunststoffverpackungen 2023: 42,1 %.
OECD (2022). Global Plastics Outlook: Economic Drivers, Environmental Impacts and Policy Options.
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HolyGrail 2.0 (2025). Industrial-scale trial sorts 56,000 rigid packaging items daily. Packaging Europe.
Fraunhofer UMSICHT (2025). Chemical Recycling in Europe — Map, Stand Oktober 2025.
ExxonMobil (o. J.). What do you know about mass balance? Erläuterung der Massenbilanz-Anrechnung.
Verbraucherzentrale NRW. Kompostierbare Plastiktüten: Sind sie wirklich umweltfreundlicher?
European Aluminium (2024). Environmental Profile Report; A low carbon footprint.
HERMA. Datenblatt HERMAcoat Recycling (236) mit Kleber 62Gpt.
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Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Fragen und Antworten zu Mineralölbestandteilen in Lebensmitteln.
Initiative „Mülltrennung wirkt“ der dualen Systeme. Hinweise zur Trennung von Glas und Leichtverpackungen.

Dieser Artikel wurde im November 2026 von Leon Ahlers (Two Hands BIO) verfasst. Die Quellen wurden einzeln geprüft. Bei Fragen zu unseren Gebinden freuen wir uns über Deine Nachricht, ebenso, wenn Du etwas ergänzen oder korrigieren möchtest.

Dieser Artikel wird regelmäßig auf Aktualität geprüft. Letzte Prüfung: November 2026.